100 Jahre VHS Essen – Interview mit Direktor Michael Imberg

VHS Direktor Michael Imberg vor der Volkshochschule Essen
© VHS Essen

Als eine der ersten wurde die Essener Volkshochschule noch vor Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung ins Leben gerufen und bewährt sich seit nun 100 Jahren auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung. Schon seit Jahresbeginn feiert die ganze Stadt 100 Jahre VHS Essen unter dem Motto »Aufbrüche«. Zur Halbzeit hat offguide mit Michael Imberg, Direktor der VHS Essen, gesprochen.

Die Volkshochschulbewegung in Deutschland existiert seit gut 100 Jahren. Innerhalb dieses Zeitraumes haben Verschiebungen hinsichtlich der Zielsetzungen und Schwerpunkte stattgefunden. Wo sehen Sie heute die Hauptaufgaben der Volkshochschule insgesamt?

Die VHS war schon immer der Ort, wo sich die Stadtgesellschaft bildet. Und das meinen wir wortwörtlich. Bei uns können zum Beispiel Bildungsabschlüsse nachgeholt und neue Sprachenfähigkeiten erlernt werden, bei uns wird aber auch über die brennenden Themen unserer Gesellschaft kontrovers diskutiert.

Wie stellt sich Ihre Einrichtung auf die veränderten Bedingungen und damit auch Bedürfnisse der Teilnehmer ein?

Wir entwickeln, ähnlich wie Trendscouts, unsere Angebote ganz nah an den Bedürfnissen der Menschen und reagieren flexibel und schnell auf veränderte Rahmenbedingungen. Die Digitalisierung fordert von uns, dass wir bereit sind, uns ständig weiterzubilden und neue Kommunikationsformen einzuüben. Das bieten wir an. Und das wird spürbar nachgefragt. Wir machen die Menschen fit für die Herausforderungen der Zukunft.

2019 wird das Jubiläum mit über 60 Veranstaltungen, Ausstellungen, Aufführungen, Vorträgen und Exkursionen gefeiert. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Aussage, die alle diese Aktivitäten vereint?

Der gemeinsame Bezugspunkt von uns ist der Begriff der Bildung, wie er vor hundert Jahren prominent in der Weimarer Verfassung auftaucht. Damit ist bis heute ein humanistischer Optimismus formuliert, wonach Bildung jeden einzelnen Menschen dazu befähige, an der Gesellschaft teilzuhaben und diese, wie auch sich selbst, fortzuentwickeln – unabhängig von sozialer Herkunft oder Glauben. Dieser Anspruch auf Bildung muss immer wieder erneuert werden. Entweder wir gestalten den Wandel oder er wird uns gestalten. Hier wird von uns ein ständiger Aufbruch verlangt.

Was ist für das Jubiläumsjahr außerdem vorgesehen?

In Kooperation mit verschiedenen Institutionen wollen wir einen kostenlosen offenen Lerntreff für funktionale Analphabeten anbieten. Wir wissen, dass es in Essen über 30.000 Menschen gibt, die nicht richtig lesen und schreiben können. Aber nur wenige besitzen den Mut, darüber zu sprechen. So wird der erste Schritt zu einem selbstbestimmten Leben in unserer schriftdominierten Welt geebnet.

Haben sich Ihre Erwartungen bislang erfüllt, mit denen Sie in das Jubiläumsjahr zum 100-jährigen Bestehen der VHS Essen gestartet sind?

Nein, meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen. Zu unserer Semestereröffnung am 10. Februar kamen über 1.000 Besucher. So viel Zuspruch motiviert uns!

Welcher Aufbruch ist im Jubiläumsjahr der VHS Essen für Sie persönlich wirksam geworden?

Gelassenheit.